Staatstheater Nürnberg

Oper

Erfundene Wahrheit

Wahrheit oder Erfindung? Dieses Thema quält uns immer mehr. Jeden Tag sehen wir so viel Inszeniertes, Konstruiertes, Abgekartetes, das wahr zu sein behauptet. Spin-Doktoren, PR-Berater und alle die, die Bilder in die Welt setzen, bauen an unserer Wirklichkeit. Je schamloser die Manipulation ist und je deutlicher wir sie durchschauen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Authentischen, dem Echten. Die erfolgreichen Populisten der internationalen Politik machen sich diese Sehnsucht zunutze und kleiden ihre Lügen ins Gewand der Echtheit und Ehrlichkeit. Es ist zum Verzweifeln, wie gut das funktioniert.

„Kunst, aber nicht künstlich“ war die Leitlinie unserer letzten Opernspielzeit. Oper ist so künstlich, dass es niemandem einfallen könnte, sie für echt zu halten. Aber oft kommen wir der Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst näher, als wir es mit vermeintlich „echtem“ Material kämen, mit Reportagen oder Augenzeugenberichten, die ja immer nur einen ­kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen. Indem wir in der Oper das Künstliche nicht verbergen, können wir mit ihr das Wesentliche hinter den Bildern zeigen: Weil das Über-Individuelle der Figuren auf der Bühne uns dem näher bringt, was für alle Menschen zu allen Zeiten gilt.

„Inventare il vero“, „das Wahre erfinden“: So nennt es Giuseppe Verdi, mit dessen „Don Carlos“ die Spielzeit beginnt. Besser kann man es nicht sagen. Denn das Gegenteil der Wahrheit ist die Lüge, nicht die Fantasie.

Herzlich, Ihr
Jens-Daniel Herzog
Staatsintendant und Operndirektor

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