Staatstheater Nürnberg
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Schauspiel

Kaspar

von Peter Handke

Regie: Jan Philipp Gloger

Freitag, 27.12.2019

19:30 - 21:10 Uhr

19:00 Uhr Einführung

Schauspielhaus

Die Vorstellung muss aus dispositionellen Gründen leider entfallen.

08 Kaspar 3917

Neuinszenierung nach einer Produktion vom Staatstheater Mainz

„Kaspar zeigt nicht, wie es wirklich ist oder wirklich war mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was möglich ist mit jemandem“, schreibt Peter Handke. Der historische Fall wird in seinem Stück zum Modell für einen Zivilisierungsprozess, der in Zerstörung der Identität mündet. Sprache ist dabei nicht nur Zugang zur Welt, sie vermittelt gleichzeitig Ideologien, zwingt in vorgefertigte Denkmuster und bereitet dadurch zur Tauglichkeit in der Massengesellschaft vor. Die Litaneien, die Handke über seinen Kaspar herfallen lässt, stecken voller unerwarteter Nonsens-Funde. Die Inszenierung von Jan Philipp Gloger nimmt diese zum Anlass für ein Sprachspiel um Macht und Ohnmacht und eine Reise durch die deutsche Geschichte – und dabei auch der Geschichte und Gegenwart eines ambivalenten Autors begegnet. Und all das in der Stadt, in der der geheimnisvolle Findling Kaspar einst gefunden wurde.

Beschreibung

Ein Hauptthema Peter Handkes ist immer wieder die Sprache: die Sprache des Alltags, der einfachen Menschen ebenso wie die der Medien, aber auch die poetische Sprache der Weltliteratur, nicht zuletzt auch die eigene Sprache, die permanentem Wandel ausgesetzt ist. Dies hängt auch mit seiner Herkunft und Sozialisation als zeitlebens hochdeutsch sprechendem Sohn eines deutschen Wehrmachtsangehörigen und einer Kärntner Slowenin zusammen. Handke verbrachte die ersten fünf Lebensjahre in Berlin, kehrte dann in die dörfliche Heimat der Mutter, ein gemischtsprachiges und zugleich vom Dialekt geprägtes Gebiet, zurück. Die dort erfahrenen Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten schärften sein „Sensorium für die Machart von Texten, für die Art und Weise, wie Sprache funktioniert“ (Fabjan Hafner).

In seinem neben der „Publikumsbeschimpfung“ bekanntesten Theaterstück löst Handke die Geschichte des 1828 am Nürnberger Unschlittplatz aufgefundenen sprachlosen Findlings Kaspar Hauser aus ihrer geschichtlichen Verankerung und überträgt sie ins Allgemeingültige: „Kaspar zeigt nicht, wie es wirklich ist oder wirklich war mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was möglich ist mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann. Das Stück könnte auch ,Sprechfolterung‘ heißen.“ Diese Regieanweisung bringt auf den Punkt, worum es Handke geht: den Vorgang der Sozialisation eines beispielhaften Menschen zeigt er im Stück als einen Prozess des Spracherwerbs durch Manipulation von außen, durch gewaltsame Abrichtung. Die „Einsager“, die dem anfangs fast völlig sprachlosen Kaspar ihre Sprache in Form von Satzmustern, Wendungen und grammatischen Strukturmodellen beibringen und ihn dadurch in normativ-autoritäre Gesellschaftssysteme einzufügen versuchen, sind Repräsentanten öffentlich wirksamer Sprechweisen: „Telefonstimmen, Radio- und Fernsehansagerstimmen, die Sprechweisen von Fußballkommentatoren, von Stadionsprechern, von Interviewern, von Polizisten.“ Der historische Fall wird in seinem Stück zum Modell für einen Zivilisierungsprozess, der in Zerstörung der Identität mündet. Sprache ist dabei nicht nur Zugang zur Welt, sie vermittelt gleichzeitig Ideologien, zwingt in vorgefertigte Denkmuster und bereitet dadurch zur Tauglichkeit in der Massengesellschaft vor.

Regisseur Jan Philipp Gloger legt in seiner Auseinandersetzung ein narratives Netz über Handkes Sprach-Strukturen und nimmt die Litaneien, die Handke über seinen Kaspar herfallen lässt, zum Anlass für ein Sprachspiel um Macht und Ohnmacht und eine Reise durch die Gesellschaftsgeschichte – in der Stadt, in der der geheimnisvolle Findling Kaspar zum ersten Mal auf eben diese Gesellschaft traf. Er schafft Platz für große Bilder und (autobiografisch unterfütterte) Erzählelemente. Dabei begegnet er auch der Geschichte und Gegenwart eines ambivalenten Autors. Sprachmächtig wie sprachohnmächtig steht der Nobelpreisträger von 2019 vor uns und muss die „Beschreibungsimpotenz“, die er einst der Gruppe 47 attestiert hat, sich selbst gegenüber überwinden. In der derzeitigen Diskussion angesichts Handkes Slobodan Milošević und Serbien verteidigenden Haltung wahrend der Jugoslawienkriege wird insbesondere die Nichterwähnung der bosnischen Opfer u.a. in seinem Stück „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ und seine Anwesenheit und Rede beim Begräbnis von Milošević kritisiert. Eine seiner vehementesten Kritiker*innen, Jagoda Marinić, stellte die folgende Frage mit aller Schärfe: „Meinen jene, die Werk und Person nun trennen mochten, dass die Opfer des Genozids das auch sollen?“ Dass Peter Handke innerhalb dieser Diskussion für sich in Anspruch nimmt, „nur“ Dichter zu sein, und damit seine Position als öffentliche, politisch sprechende Person als irrelevant für seine Literatur postuliert, steht in einer Reibung mit der generell formierenden Kraft von Sprache, die er in Kaspar ausbreitet.

Mit „Kaspar“ hat Handke die Möglichkeit, neu zu sehen, neu zu sprechen und vielleicht auch neu zu denken nach 1945 einem deutschen Publikum nahegebracht. Auch deshalb kann dieser Text 2019 viel erzählen über den Umbruch einer Welt, die sich mitten in einer digitalen Revolution befindet, und in der bekannten Gewissheiten über Sprache gerade brüchiger den je erscheinen.

Termine und Besetzung

Besetzung am 27. Dezember 2019

Zusätzliche Informationen

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Fotos
Foto(s) © Konrad Fersterer
Pressestimmen
Süddeutsche Zeitung

"Am Staatsschauspiel Nürnberg hat der Regisseur Jan Philipp Gloger das Stück nun mit stupender Präzision und drei tollen Darstellern in Szene gesetzt. Gleichzeitig hat er es mit der Diskussion um seinen Schöpfer, mit dessen Texten zu Serbien und mit dem Nobelpreis verwoben. Das Ergebnis ist leicht und aufregend genau."

Die Deutsche Bühne

"...eine Aufführung mit Witz und Biss und Haltung"

Nürnberger Nachrichten

"Die Sprache allein ist hier Handlung und die famosen Schauspieler Janning Kahnert, Felix Mühlen und Maximilian Pulst spielen zum Erstarren ernst und zum Kugeln komisch mit dem, was ihnen in den Mund gelegt wird."

  • Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten
Nürnberger Zeitung

"Gloger hat den Text klug auf eineinhalb Stunden verknappt, konzentriert ihn in aussagekräftigen Szenen, die jede ihr eigenes Setting bekommen, ihre eigene historische Verortung."

  • Wolf Ebersberger, Nürnberger Zeitung

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