Grußwort 2016/2017

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Staatstheater Nürnberg,

Europa, die ganze Welt ist wieder politischer geworden. Eurokrise, Bankencrash und Niedrigzins, drohender Gre- oder Brexit, Flüchtlingsdrama, Grenzkontrollen, neue und alt-neue politische Kräfte, Skandale in ehemals als untadelig angesehenen Wirtschaftszweigen, ja bis hin zum Betrug im Sport. Die Traumblase vom Ende der Geschichte und dem friedvollen und allein segenbringenden Sieg des Kapitalismus über die Schrecknisse der Welt und die Unzulänglichkeiten des Menschen, sie ist geplatzt. Und wenn wir ehrlich sind, dann haben wir an diesen Traum auch nie so wirklich geglaubt. Weshalb wir weiterhin davon erzählt, gesungen, getanzt und musiziert haben, was sich hinter der Augentäuscherei, dem Trompe-l‘oeil, verbirgt, um damit die Brüche und Widersprüche, die Sehnsüchte und Ungereimtheiten, unsere heimlichen Utopien und Dystopien zu verhandeln. Und das werden wir auch weiterhin tun. Denn das ist wohl unsere ureigenste Aufgabe: Der Gesellschaft, in deren Mitte wir stehen, einen Raum – eine Bühne – zu geben, in dem und auf der die Themen neu verhandelt und betrachtet werden, die uns, die Polis, angehen. Die Griechen lieferten hierfür mit ihren Tragödien das Urmodell. Sie zeigten schonungslos die Auseinandersetzung mit dem Schicksal, ihren Göttern, den Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten und mittendrin den einzelnen Menschen in seinem Leid und Hadern, Fluchen und Handeln. Und ihm gilt unsere Sympathie, unser Mitleiden, unser Zorn und unser Hoffen – auf eine Peripetie, eine Wendung zum hoffentlich Guten, und auf eine Katharsis, eine Läuterung unserer selbst durch eben unser emphatisches Miterleben. Dass eine Gesellschaft hierfür einen Kunstraum schafft und finanziert, ist nicht nur wunderbar, sondern auch notwendig. Und wir sind dankbar dafür, dass dies bei den Trägern der Stiftung Staatstheater Nürnberg, dem Freistaat Bayern und der Stadt Nürnberg auch so gesehen wird. Selbstverständlich legitimiert sich unser Wirken dann vor allem durch drei Dinge: den künstlerischen Erfolg, die breite Verankerung in der Gesellschaft und den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen. Den künstlerischen Erfolg konnten während der acht Jahre der laufenden Intendanz alle Sparten überzeugend aufweisen. Der verantwortungsvolle Umgang mit den Zuschüssen wird regelmäßig überprüft – und angesichts von über 12.000 Abonnent*innen und bis zu 300.000 Besucher*innen sowie einem breiten Zuspruch bei Publikum, Politik, Fördervereinen, Freund*innen und Gönner*innen steht das Staatstheater Nürnberg sehr gut da. Als unsere Zukunftsaufgabe sehen wir es an, weiterhin die breite Verankerung in der Gesellschaft der Metropolregion sicherzustellen. Der Wandel, der uns allen zuletzt durch den wachsenden Anteil an Zuwanderung augenfällig geworden ist, stellt uns vor die Aufgabe: Was und vor allem wie wir es machen, ständig weiter zu kommunizieren und dazu einzuladen, an unseren Aufführungen teilzuhaben. Wir wissen aber auch: Wir brauchen keine Angst vor diesem Wandel zu haben! Am Staatstheater Nürnberg arbeiten Menschen aus 45 Nationen zusammen, 29 % unserer 550 Mitarbeiter*innen haben keinen deutschen Pass. Damit von dieser Vielfalt möglichst viele profitieren, intensivieren wir unsere zahlreichen Kontakte und Vernetzungen in die Stadt und die Region: zu den Schulen, Kindergärten und Hochschulen, den Museen, Bildungseinrichtungen, Flüchtlingsunterkünften und Kirchen oder den Theatern Mummpitz und Pfütze. Dazu gehört natürlich auch die Förderung von Initiativen wie dem KulturRucksack, dem KulturTicketNürnberg oder der Vesperkirche in Lichtenhof. Vor allem die Theaterpädagogik kann viele Türen öffnen. So haben wir beschlossen, diese Abteilung um eine dritte Stelle zu erweitern. Manchmal sind es aber auch die vermeintlich kleinen Dinge, die den Unterschied machen: Da nicht allen Besucher*innen mit deutschen Übertiteln in der Oper geholfen ist, übertiteln wir zukünftig im Opernhaus zweisprachig: deutsch und englisch. Für jeden eine Bühne! Herzlichst, Peter Theiler Staatsintendant Christian Ruppert Geschäftsführender Direktor